Vor ca. 60 Jahren lernte ich in drei Schulferien als Montagehelfer eines Elektroanlagenbaukombinates einen industriellen Moloch bis in die untersten und dreckigsten Kellerecken kennen. Der Gestank im Chemiekombinat Leuna, die tropfenden Rohrleitungen, die zerschlissene Bausubstanz und das vollständige Fehlen jeglichen Grüns und jeglicher Natur sind mir bleibend im Gedächtnis. Umso erfreulicher ist der heutige Anblick und Zustand, wenn man mit dem Auto oder dem Zug an den Anlagen entlangfährt; insbesondere der nächtliche Anblick ist futuristisch und beeindruckend. Aber total überraschend war für mich der zunehmend auftauchende Begriff „Gartenstadt Leuna“. Das passte überhaupt nicht mit meiner Vorstellung von Leuna zusammen und machte mich neugierig. Also habe ich gelesen, bin mit dem Fahrrad hingefahren (empfehlenswerte Tour vom S-Bahnhof Gröbers und zurück über Bad Dürrenberg, Lützen, Grünau) und habe mich umgesehen.
Wie in etlichen anderen Fällen auch war die Entstehung und Ansiedlung eines Großbetriebes, hier der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) 1916, und der Bau des Ammoniakwerkes der Anlass und Beginn. Südlich von Merseburg in einem ländlichen Gebiet wurde plötzlich für Tausende Arbeiter und Angestellte Wohnraum benötigt. Dass die Werkssiedlung Neu-Rössen (auf der Fläche von fünf zusammengelegten Dörfern) eine Gartenstadt wurde, verdanken wir einem Wiesbadener Architekten: Karl Barth.
1877 in Wiesbaden geboren, studierte er in Wiesbaden und Stuttgart, promovierte an der Uni Leipzig und arbeitete dann in bekannten Architekturbüros. Er zog freiwillig in den Ersten Weltkrieg, wurde aber 1915 der Kriegswichtigkeit wegen zur BASF abkommandiert und hatte dort die Siedlung Neu-Rössen zu planen. Da seine eigene Anwesenheit beim Bau unabdingbar war, ernannte ihn der Merseburger Landrat 1919 zum unbesoldeten Baurat beim Zweckverband, und im selben Jahr wurde er Bauleiter der Bauberatungsstelle des Zweckverbandes und durfte ab 1930 generell den Titel Baurat führen. War er bis 1919 allein vor Ort, wohnte seitdem seine ganze Familie dort, und 1920 konnte er eine eigene Villa beziehen. Diese ließ er 1947 nach Kriegszerstörungen wieder aufbauen; sein Sohn hatte dort seit 1948 eine Zahnarztpraxis, und er selbst wohnte bis zu seinem Tode 1951 dort.
Es war ein besonderer Umstand, dass trotz des ansonsten zum Erliegen gekommenen Wohnungsbaus in Deutschland wegen der Kriegswichtigkeit eine solche Siedlung überhaupt gebaut wurde. Es ist aber das spezielle Verdienst von Karl Barth, eine Gartenstadt konzipiert zu haben und dabei das Werk, die Wege, die Lebensumstände der Bewohner, die sozialen Einrichtungen und die Gesundheit als Einheit von Arbeit, Wohnen, Kultur und Natur als Ganzes gedacht zu haben.
- Es wurde beabsichtigt, durch Wohneigentum den Wechsel und die Fluktuation unter den Beschäftigtenzu reduzieren.
- Es wurde Wert auf gute Wohnqualität gelegt, um positive gesundheitliche Effekte zu erreichen (Vermeidung von minderwertigen und ungesunden Notwohnungen).
- Kurze Arbeitswege (nicht wie sonst übliche unbeheizte Eisenbahnzüge), die Wohnlage gestaffeltnach Verfügbarkeitsnotwendigkeit der Beschäftigten im Havariefall bzw. der Qualifikation.
- Generellzwei- bis dreigeschossige Häuser, Haustypen innerhalb der Siedlung gemischt.
- Kleine Reihenhäuser für Arbeiter und Meister, oft an lauten Durchfahrtstraßen.
- Größere Einzel-und Doppelhäuser für höhere Angestellte und Akademiker in ruhigen Gebieten.
- Villen für Direktoren und Werksleiter entlang des Saaleufers.
- ZweiKirchen, eine Tankstelle, ein Ambulatorium, Schulen, Kindergärten, ein Gesellschafts- (Kultur-)haus, Parkanlagen, angrenzend das Verwaltungsgebäude des Werkes, der Bahnhof „Leuna“.
- In der werksnahen Gartenstadt zu wohnen war ein Privileg,das mit dem Ausscheiden aus dem Betrieb endete; Rentner konnten in Werkswohnungen in der näheren Umgebung umziehen.
1917 begonnen, wurde das erste Haus der Gartenstadt bereits im November 1917 in der Merseburger Straße fertiggestellt. Das heißt, der Siedlungsbau erfolgte zeitgleich mit der Errichtung der Leuna-Werke. Die wesentliche Anzahl der Gebäude (Wohnhäuser, öffentliche Gebäude etc.) entstand in den 1920er-Jahren, die beiden Kirchen 1932 bzw. 1934. 1922 entstand die zugehörige Saalparkanlage. Dieser Teil wurde damals noch Neu-Rössen genannt und umfasste ca. 1 km².
Im nördlichen Teil Richtung Merseburg entstand ebenfalls in räumlicher Nähe zum Werk von privaten Bauherren und mit viel Eigenleistung der zukünftigen Bewohner die Arbeitersiedlung Leuna-Nord. Auch deren Bebauungskonzept stammte von Karl Barth.